Tagtäglich lesen wir in der Presse wie Männer Frauen vergewaltigen, verprügeln, Amok laufen: „Stiefvater misshandelte 13 Jahre lang seine Stieftochter“ oder „Ehemann stach 10 mal mit einem Brotmesser auf seine Ehefrau ein“.

Wagen wir das gedankliche Experiment und übersetzen das Gelesene ins Weibliche: „Stiefmutter misshandelte 13 Jahre lang ihren Stiefsohn“ oder „Ehefrau stach 10 mal mit einem Brotmesser auf ihren Ehemann ein“.

Wie wirkt das?

Dürfen wir Täterinnen mitdenken oder gilt eher die Devise: „Es kann nicht sein, was nicht sein darf“.

“Verführt” eine 30 jährige Frau einen 14 jährigen Jungen, so ist das kein sexueller Missbrauch. “Verführt” jedoch ein 30 jähriger Mann ein 14 jähriges Mädchen, ist das auf jeden Fall Missbrauch. Ein weiterer Mythos ist, dass Frauen ihre Kinder nur aus entschuldigter Überforderung heraus schlagen.

Es gilt allgemein: “Frauen sind Opfer – Frauen sind gut“ und „Männer sind Retter oder Täter“.

Frauen als Täterinnen zu sehen, bringt unser Weltbild durcheinander, nicht nur in der feministischen Diskussion. Jüngst spielte sich in Familienkreis folgende Gesprächssituation ab: Zuerst war das allgemeine Thema Gewalt, Gewalt in der Schule, häusliche Gewalt, Gewalt durch Männer. Die Diskussion wurde immer intensiver bis zu dem Satz „auch Frauen schlagen ihre Kinder“. Darauf kam die prompte Antwort von einem Freund „na, das ist ja was völlig anderes!“ Ja, ist es das? An dieser Stelle brach die Diskussion abrupt ab.Daran wird deutlich, wie tabuisiert und bagatellisiert Gewaltausübung durch Frauen immer noch ist.

Hier zu Lande liegen kaum Forschungsergebnisse zum Thema Täterinnen vor. Mädchen und Jungen, die von Gewalt durch Frauen berichten, sind zahlenmäßig in der Minderheit. Wir gehen im sogenannten Hellfeld im Allgemeinen von ca. 10% bis 20% aus.
Das Hellfeld ist nur die statistisch wahrgenommenen Gewalt. Das Dunkelfeld ist sicher größer. Hinzu kommt die steigende Zahl an gewalttätigen Mädchen.

Obwohl statistisch gesehen in der Minderheit, stellen Täterinnen eine Gruppe dar, die keinesfalls mehr vernachlässigt werden darf.

Warum wollen wir als Frauen da nicht hin sehen?

Gerade wir Frauen haben bisher den Blick nur auf den Täter gerichtet. Die Täterarbeit haben wir in den letzten Jahren entweder zu Recht abgewiesen, denn das war und ist Aufgabe von Männern.
Oder wir haben uns ihrer bemächtigt, um eben die Männer zu kontrollieren, die Täterarbeit anbieten.

Den Blick nun auf das eigene Geschlecht zu richten, löst Irritationen und Widerstand aus. Sie besteht in der Ja – aber – Haltung. Einerseits erkennen Frauen, die im Sozialbereich tätig sind, dass unbedingter Handlungsbedarf besteht, andererseits ist das Vakuum der Angst da, verbalisiert in dem verunsicherten Satz: „Wie viele Frauen sind es wirklich? Und warum tun sie das?“

Es ist eine Herausforderung sich diesen Fragen zu stellen, es zu benennen das auch Frauen gewalttätig sind, und sich auf die Suche nach Antworten zu begeben.

Jetzt kommt die Anforderung auf uns zu, mit Täterinnen zu arbeiten.

Keine Frau, die mit Opfern von Gewalt arbeitet, egal ob Junge oder Mädchen, kann ernsthaft die Absicht haben, dass Gewaltausübung durch Frauen zum Familiengeheimnis wird. Öffentlich machen, kontroverse Diskussionen anregen, Ängste und Unsicherheiten benennen, damit sie Raum bekommen, muss das Ziel sein. Erst dann trauen sich Opfer über ihre Gewalterfahrung durch Täterinnen zu reden und erst dann können Frauen, die gesellschaftlich gesehen immer noch dem gängigen Bild einer friedfertigen, passiven und opferbereiten Frau zugeschrieben werden, als Täterinnen ernst genommen werden.

Gewalt bedeutet für uns jede körperliche Verletzung einer Person durch eine andere und die Androhung von physischer Gewalt. Diese Definition entspricht nahezu dem Alltagsverständnis, das Gewalt mit tätlicher Beeinträchtigung, also schlagen, treten, töten assoziiert wird. Kommen Handlungen wie Vergewaltigung, sexueller Missbrauch hinzu sprechen wir von sexualisierter Gewalt.

Ferner gehen wir davon aus, dass Gewalt grundsätzlich als intentionaler Handlungsbegriff zu verstehen ist. Das heißt, jeder Gewalthandlung liegt eine Entscheidung zur Gewalt zugrunde. Gewalt ist ein willentlicher, selbst zu verantwortender Akt!

Gewalt zerstört die Grundlage jeder Beziehung, denn Gewalt erzeugt Angst und Angst macht Vertrauen unmöglich. Gewalt zerstört somit die Opfer und die Täterinnen.

Auch die Täterinnen bei häuslicher Gewalt zerstören das, was sie am meisten lieben – ihre Familie, ihre Beziehungen.

Gewalt ist kein Ausdruck von Überlegenheit oder gar Stärke, sondern von Hilflosigkeit. Diese Dynamik zu verstehen, bietet der Täterin die Möglichkeit konstruktive Verhaltensweisen zu lernen. Eigenen Grenzen zu erkennen, Überforderungen ernst zu nehmen, sind Wege aus der Gewalt. Denn Gewaltausübung ist Konfliktvermeidung und nicht Konfliktlösung!

Der Gewinn ist eindeutig: Kontakt und Beziehung.

Zu erleben, dass Aggression nicht der Auslöser für gewalttätiges Handeln ist, ermöglicht die Chance Streit „zu lernen“. Nicht der Streit ist die Ursache von Gewalt, sondern die Streitvermeidung. Aggressionen sind notwendig, um sich auseinander zu setzen, um Ärger und Wünschen in offener direkter und konstruktiver Form Ausdruck zu verleihen. Trotz Emanzipation und Frauenbewegung fällt es vielen Frauen noch schwer, sich von den stereotypen, geschlechtsspezifischen zugeschriebenen Attributen, wie allumsorgend, friedfertig, schlichtend und zurückhaltend zu verabschieden damit ihr Ärger, ihre Wut, ihre Aggression überhaupt ins eigene Bewusstsein kommen dürfen.

Um dieses Ziel zu erreichen, müssen wir Täterinnen ernst nehmen, und impliziert die Haltung ihr die Verantwortung für ihre Tat zu geben und nicht durch Verharmlosung die ausgeübte Gewalt herunterzuspielen. Verstehen, aber mit der Tat nicht einverstanden sein, ist die Grundvoraussetzung.
Erst wenn die betroffenen Frauen die Verantwortung für ihr Handeln übernehmen, ist ein weiteres professionelles Arbeiten mit ihnen möglich.

Der konstruktive Beratungsprozess wird unterstützt durch eine wertschätzende und ressourcenorientierten Haltung von Seiten der Beraterin. Der frauenspezifische Gewaltkreislauf bildet in der Beratung ein Mosaikstein, der zum besseren Verständnis der Täterinnendynamik beiträgt. Die Frau erlangt Erkenntnisse, wieso sie gewalttätig ist und welcher Prozess unmittelbar nach der Tat in Gang gesetzt wird.

Voraussetzung für diesen Beratungsweg ist die Haltung:

  • Frauen nicht nur in der Position des Opfers zu sehen, sondern sie auch als Täterinnen mitzudenken, wahrzunehmen.
  • Jungen und Männer nicht nur in der Position als Täter, sondern auch als Opfer von weiblicher Gewalt wahrzunehmen.

Der gedankliche Spagat scheint schwierig, geraten doch vertraute Bilder ins Wanken, wenn frau die Unsicherheiten, die damit verbunden sind zulässt. Die Zweifel, die Ängste sind notwendig damit eine klare Haltung zur Frage der Täterschaft von Frauen entstehen kann. Erst wenn dies geschehen ist, können wir hinsehen und hinhören, wenn Mädchen, Jungen und Männer von ihren Missbrauchserfahrungen durch Frauen berichten. Erst dann hören wir ihre Ohnmachtserfahrungen, weil wir sie innerlich nicht nivellieren oder gar abwerten müssen, da wir es akzeptieren können, dass z.B. die männliche Erfahrung eine andere und gleichsam schlimme ist.

Edna Hansen-Beckers,
Sabine Seifert-Wieczorkowsky

Kommentare

Frederik on 20 April, 2008 at 11:53 #

Frauen können sehr wohl Täterinnen sein.
Als Junge der schon mit 8 Jahren in einem überwiegend weiblich orientierten Internat und einem fast ausschließlich weiblichen Lehrkörper ausgesetzt war, kann ich nur die härtesten und gemeinsten Mißbrauchstatbestände bestätigen, zu welchen Frauen und ältere Mädchen fähig sind.
Für mich als Junge war es die völlige Machtlosigkeit, das totale Ausgeliefertsein und die Verletzung aller männlichen Vorbilder und Ideale.
Männer sollten nach meiner Meinung stark und hart sein, während ich völlig wehrlos und hilflos den puren Launen weiblicher Arroganz ausgeliefert war.
Es ist ein unendliches Gefühl der Ohnmacht und der Demütigung.
Ich habe keine Mißbrauchserfahrungen mit Männern gemacht, aber ich glaube daß weiblicher Mißbrauch mindestens so traumatisch ist wie männlicher Mißbrauch und die Frauen und älteren Mädchen ihren Mißbrauch sogar als ihr selbstverständliches Recht betrachtet haben und mich dabei gleichzeitig verspottet und verhöhnt haben.
Nie habe ich mich schwächer und ohnmächtiger ausgeliefert gefühlt und alle Sehnsüchte bestanden darin, irgendwann groß und stark zu werden und mündeten dann im jugendlichen Alter zu übergroßer Gewaltbereitschaft und einer äußerst problematischen Einstellung zu jeglicher Autorität.
Eigenartigerweise hat sich nie Haß oder Wut gegen Frauen im allgemeinen gebildet, sondern ich komme mit Frauen sogar weitaus besser zurecht als die meisten Männer, aber ich bin zu keinerlei Nähe zu einer Frau fähig, weil ich letztendlich in der Tiefe jede Frau am Ende doch wieder nur als weit überlegene Respektsperson betrachte.
Ich konnte die damaligen Geschehnisse, die sich über viele Jahre hingezogen haben durchaus verarbeiten, indem ich nicht einmal Wut oder Zorn über meine Peinigerinnen empfinde, jedoch bleibt die unendliche Wut und Enttäuschung über die Situation als solche und die gestohlene Kindheit, die dann das ganze weitere Leben bis heute beeinflußt.
Frauen oder auch schon ältere Mädchen soweit sie schon sexuell aktiv sind, besitzen offenbar die Gabe der Manipulation in einem Maße, daß sie auf ihr Opfer den Eindruck projezieren, daß sie Anspruch und das Recht auf diese demütigenden sexuellen Praktiken haben und das Opfer ihnen diesen Gehorsam schuldet, weil sie sich andererseits in sehr positivem Maße um das Opfer kümmern.
Letztendlich war es aus meiner Sicht ein Akt der Dankbarkeit, den ich geschuldet habe und wobei ich mir auch aus Dankbarkeit die allegrößte Mühe zu geben hatte.
Als Gegenleistung gab es Zuwendung, einfühlsame Betreuung und durchaus auch sehr positives Verständnis und echte positive Förderung.
Der Preis der Zuwndung bestand allerdings in einer demütigenden Gegenleistung.
Mein Verhältnis zu meinen Mißbraucherinnen ist daher sehr zwiespältig. Einerseits verehre ich sie immer noch und bin ihnen dankbar und andererseits weiß ich daß sie mich mißbraucht haben.
Mit meiner Rolle als Mann habe ich bis heute Probleme, weil ich mich bis heute gegenüber Frauen nicht auf gleicher Augenhöhe empfinde.
Ich glaube es gibt mehr Männer die ähnliche Erfahrungen gemacht haben, als offiziell bekannt ist.


Frederik on 20 April, 2008 at 12:17 #

Man sieht ja an den Beiträgen wie wenig dieses Thema interessiert.
Es ist nicht en vogue. Stattdessen wird lieber über die bösen männlichen Kinderschänder berichtet und nach neuen Gesetzesverschärfungen geschrien.
Der gewalttätige Mann und die zarte und liebevolle Frau sind eben die klassichen Klischees.
Männliche Opfer liegen außerhalb der Vorstellungskraft.
Der Gedanke daß Frauen so gut und so böse wie Männer sein können, wird nicht hingenommen.
Und daß Frauen oder Mädchen auch zu brutalster Gewalt fähig sind, wird nur am Rande wahrgenommen und gleich wieder vergessen.
Und daß weibliche Gewalt auch in sehr subtiler Form ausgeübt wird, will man nicht sehen.
Objektiv sind Frauen sicher nicht besser als Männer, aber Männer sind objektiv aber auch keinesfalls schlechter.
Der einzige Unterschied sind die physischen Möglichkeiten, aber gegenüber einem Kind treten diese Unterschiede in den Hintegrund.


Student on 17 Oktober, 2008 at 13:05 #

Der oben zur Diskussion gestellte Beitrag ist angesichts hartnäckiger Vorurteile äußerst erfreulich und gibt mir Anlaß, ihn in Foren und auf meiner Website (http://schlaegerinnen-stopp.de“) zu verlinken. Ich selbst bin nicht nur Opfer weiblicher Gewalt, sondern auch und vor Allem Opfer des “öffentlich-rechtlichen” Vorurteils, welches im Falle, daß ein Mann Anzeige erstattet, sich gegen diesen selbst wendet. Anders gesagt: Nicht die Schlägerin ist nach dem Gewaltschutzgesetz verurteilt worden, sondern ich.

Wir haben es also mit zwei zusammenhängenden, aber doch ganz unterschiedlichen Problemen zu tun. Unterschiedlich, weil Täterinnen- und Opfer-Beratung oder -therapie auf persönlicher und psychologischer Ebene stattfindet, die rechtlich-politische Praxis aber auf öffentlicher Ebene. Wenn es nicht endlich möglich wird, daß männliche Opfer furchtlos Anzeige gegen Schlägerinnen erstatten können, dann wird der Beratungsbereich evtl. inflationieren. Ist das gewollt ? Besteht Bedarf an Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen für Kriegsprofiteure ?

Ich danke auch dem Schreiber Frederik für seinen Beitrag.

Anlaß dafür, daß ich zu dieser Seite gefunden habe, ist übigens die inzwische ausgebuchte Veranstaltung,zu der Frau Seifert-Wieczorkowsky geladen ist. Sie wurde verlinkt auf einem Väterforum. Kritisiert wurde, daß ausschließlich Frauen vortragen werden. Das ist so, wenn wenn auf einer Tagung zur Mafia nur Mafiosi eingeladen sind. Es freut mich umso mehr, daß wenigstens eine der geladenen Frauen die Realität in den Blick genommen hat.


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